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Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen sich auf "Tradition" berufen. Wird genau hingeschaut in diesen Begründungen, besteht die Tradition in dem, was man gerne hat. Doch all dies, das zu diesem Akzent, dieser Aussage, diesem Ritus geführt hat, wird auf einmal auf die Seite gelegt.
Faktisch heisst dies: Tradition ist es ab jenem Zeitpunkt, den ich bestimme. Doch wer genau hinschaut, darf feststellen, wie sehr sich alles verändert und der Inhalt zwar gleich bleibt, doch die Darstellung sich der Zeit angepasst hat. Dies ist am Einfachsten sichtbar in unserer Sprache. Wir reden heute ein anderes Deutsch als vor 400 Jahren, bzw. eine andere Sprache als vor 1500 Jahren. Die Amtssprachen in Europa haben sich über alle Jahrhunderte auch weiter entwickelt. So war z.B. über viele Jahrhunderte hinweg Latein eine Amtssprache in bestimmten Ländern, doch heute ist sie dies nirgends mehr. In der Kirche zeigt sich dies auch. So gibt es unter den 7 Sakramenten keines, das sich so verändert hat wie das Sakrament der Versöhnung. In allen Veränderung ist gleich geblieben, dass Schuld vergeben wird und ein Neuanfang ermöglicht wurde - die Ausgestaltung des Sakramentes und dessen Spendung hat sich jedoch verändert. Mit der Feier der Eucharistie sieht es auch gleich aus: Der Inhalt ist gleich geblieben, doch hat sich die Form verändert und dabei auch auf die Gesellschaft Rücksicht genommen. Die heute oftmals als traditioneller Ritus dargestellte tridentinische Messe wurde bei weitem nicht so lange gefeiert, wie viele meinen. Jan-Heiner Tück zeigt dies in seinem Buch "Ausverkauf des Konzils" (Herderverlag 2026, s. 110) Er schreibt dort: "Wichtiger noch erscheint sein (Bouyer) Hinweis, es sei ,,sinnlos", die Missa tridentina von Pius V. gegen die Messe von Paul VI. auszuspielen: «Erstens weil das, was im Missale Pauls VI. von dem Pius V. abweicht, zu neunzig Prozent der alten Tradition vor Pius V. entnommen ist.» .... Zweitens ist die Kontrastierung sinnlos, «weil das sogenannte Missale Pius V. in Wirklichkeit ein Buch ist, in dem die alte Einleitung Pius' V. stehengeblieben ist, worin es heißt, dass es nicht verändert werden sollte, aber von seinen Nachfolgern [ ... ] immer wieder geändert worden ist. Dieses Messbuch wurde noch im Lauf des 19. Jahrhunderts und sehr einschneidend im 20. verändert, durch alle einander folgenden Päpste; zuerst und vor allem vom heiligen Papst Pius X. [ ... ], dann von Benedikt XV., Pius XI., Pius XII., und Johannes XXIIII.» Die eigentliche Pointe aus dieser liturgiehistorischen Einsicht lautet: «Somit enthält das Missale, nach welchem von den Anhängern der Messe ,des heiligen Pius V.' zelebriert wird, in allen seinen Teilen und in den Einzeltiteln der vorgeschriebenen Messen, weniger Elemente des von Pius V. promulgierten Buches als das Missale Pauls VI.» Die Rede von der „Messe aller Zeiten", die von Lefebvre immer wieder bemüht und im Umfeld der Piusbruderschaft bis heute gerne gebraucht wird, entpuppt sich so als Kontinuitätsfiktion, die den historischen Wandlungen nicht Rechnung trägt."
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Juli 2026
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